LinkedIn ist gerade voll davon. „10 Super-Prompts für IR-Manager.“ „Diese 5 KI-Tricks ersetzen Ihre IR-Agentur.“
„Das Geheimnis professioneller Investorenkommunikation – in 47 Zeilen Prompt-Engineering.“ Das Versprechen ist immer dasselbe: Mit dem richtigen Prompt erledigt Ihr bevorzugtes KI-Tool – ob ChatGPT, Claude, Gemini oder ein anderes – einen guten Teil Ihrer Arbeit. Die Pressemitteilung zum Quartal, den Entwurf zum Vorstandsbrief, die Q&A für die Roadshow, das Konzept für den Capital Markets Day, die IR-Strategie, den Media Approach. Sie brauchen nur den richtigen Prompt.
Stimmt für den einzelnen Text. Nicht für die IR als Ganzes. Investor Relations ist Strategie, CMD-Konzept, Media-Plan, Berichterstattung, Roadshow, Medienarbeit – ein Geflecht, kein Stapel. Wer mit Einzel -Prompts arbeitet, baut sich genau die Insellösungen mit Medienbruch, deren Inkonsistenzen die KI eigentlich verhindern sollte.
Wer diese Differenz nicht versteht, bezahlt sie zweimal – beim Lernen, was Prompts nicht leisten, und später bei der ersten Halluzination. Die fällt nämlich nicht auf, solange sie kompetent klingt. Sondern erst, wenn es weh tut: in der Nachtschicht vor der Veröffentlichung – oder, schlimmer, im Earnings Call, weil ein Analyst sie zuerst gefunden hat.
Was Super-Prompts können – ehrlich
Beginnen wir mit der Anerkennung der Realität. Super-Prompts sind nicht wertlos. Für einen ersten Rohentwurf einer Pressemitteilung sparen sie Zeit. Für die Synonym-Suche bei einer Headline, für die Übersetzung einer Q&A-Antwort, für das Brainstorming alternativer Formulierungen – ein gut bedientes KI-Tool ist, Sicherheits-Aspekte zunächst ausgeklammert, ein hervorragender Schreibtisch-Assistent.
Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, was passiert, wenn Sie versuchen, dasselbe Werkzeug für die gesamte Kommunikation rund um den Quartalsabschluss zu verwenden. Das ist nämlich nicht ein Bericht. Das sind: der Bericht selbst, der Earnings Call, die Corporate News, die Investorenkonferenz, die Investor Presentation, der LinkedIn-Post, der Podcast, und, und, und. Alles im Verbund. Alles innerhalb von 48 Stunden. Alles konsistent zueinander.
Was Super-Prompts nicht können
Im KI-Kontext fällt regelmäßig ein Satz, der zur Faustregel taugt: „Intelligenz entsteht durch Kontext.“ Genau dieser Kontext fehlt dem Einzel-Prompt strukturell.
Ein Quartalsbericht ist kein einzelner Text. Er ist ein Verbund aus Lagebericht, Anhang, Vorjahres-Bezügen, Wording-Guide, Disclosure-Pflichten und stillen Konsistenz-Erwartungen. Der Vorstandsbrief muss zur Pressemitteilung passen, die wiederum zum Earnings-Call-Script passen muss, das wiederum zur Investorenpräsentation passen muss. Jede Aussage wird gegen drei Jahre Vorberichterstattung gespiegelt – nicht von Ihnen, sondern von jedem Analysten, Investor und Journalisten, der den Vergleich machen will.
Und der wichtigste neue Akteur dabei: die KI selbst. Was Jahrzehnte funktioniert hat – dass sich niemand Dutzende Berichte auswendig merkt – wird gerade abgeschafft. KI-Modelle vergleichen Ihre aktuelle Aussage in Minutenschnelle gegen jede frühere, die jemals veröffentlicht wurde. Das Ende des Vergessens. Das Ende der unauffälligen Inkonsistenz.
Versuchen Sie das mit einem 47-Zeilen-Super-Prompt. Sie werden feststellen:
- Der Prompt kennt Ihren Wording-Guide nicht – er schreibt „EBITDA“ mal mit, mal ohne Erklärung, er wechselt zwischen „Konzern“ und „Gruppe“, und er weiß nicht, ob bei Ihnen ein „starkes Wachstum“ oder eine „dynamische Entwicklung“ Standard ist. Differenzierungen, die Tonalität und Position kommunizieren – und die Ihr Wording-Guide genau aus diesem Grund festlegt.
- Er kennt Ihren Anhang nicht – also schreibt er einen Lagebericht, der dem geprüften Anhang in der dritten Zahl, fünfte Seite widerspricht.
- Er kennt die Disclaimer-Vorgaben Ihres Justiziars nicht – also formuliert er Forward-Looking-Statements ohne den Disclaimer-Rahmen, den Sie im Vorjahr mühsam durchgesetzt haben.
- Er erinnert sich nicht an die letzte Antwort, die Sie ihm gegeben haben – also formuliert er beim zweiten Quartal das, was Sie im ersten korrigiert haben.
- Und er kann jeweils nur einen Arbeitsschritt: einen Text schreiben. Pressemitteilung gegen Vorstandsbrief gegen Q&A gegen Earnings-Script abgleichen – das ist schon der nächste Schritt, der nächste Prompt, der nächste Kontextverlust.
Das sind keine Halluzinationen im engeren Sinne. Das sind strukturelle Konsistenz-Fehler – und sie entstehen, weil zwischen den Prompts keine Verknüpfung besteht. Innerhalb einer einzelnen Konversation merkt sich das KI-Tool durchaus, was Sie ihm gesagt haben. Aber sobald Sie einen neuen Tab öffnen, eine neue Aufgabe beginnen, ein anderes Tool nutzen – kein Gedächtnis, keine Übergabe, kein übergeordneter Plan. Jeder Prompt bleibt eine eigene Insel.
Werkzeug versus Werkstatt
Die Differenz, die hier sichtbar wird, ist die zwischen Werkzeug und Werkstatt.
Ein Hammer ist ein Werkzeug. Eine Werkstatt ist eine Umgebung, in der ein Hammer am festen Platz hängt, das Holz vorgeschnitten ist, die Säge daneben liegt, der Bauplan an der Wand hängt, die Vorjahres-Bauten in einem Regal stehen und der Lehrling weiß, wann er den Meister ruft. Wer mit einem einzelnen Hammer ein Haus bauen will, baut keines. Höchstens eine windschiefe Hundehütte.
Ein Prompt ist ein Werkzeug. Ein System ist die Werkstatt.
Und eine Werkstatt arbeitet nach einem Projektplan – nicht „hier ein bisschen hämmern, da ein bisschen sägen, mal sehen, was rauskommt“.
Sie liefert:
Reproduzierbarkeit (dasselbe Vorgehen ergibt dasselbe Ergebnis),
- Nachvollziehbarkeit (man kann später rekonstruieren, was warum gemacht wurde),
- Knowledge-Integration (das Wording-Manual, der Lagebericht 2024 und die ESEF – Vorgaben sind verfügbar, ohne dass man sie jedes Mal einfügt),
- Workflow-Logik (Quartalsabschluss läuft anders als Pressemitteilung läuft anders als HV-Vorbereitung) und – am wichtigsten – Tenant-Isolation (Ihre Daten verlassen den Raum nicht).
Genau diese fünf Eigenschaften fehlen einem Super-Prompt strukturell. Nicht, weil er schlecht geschrieben ist. Sondern weil ein Prompt definitionsgemäß ein einmaliger Akt ist. Ein System ist eine Architektur.
Was eine Halluzination in der IR kostet – und ein Datenleck
In anderen Domänen mag der menschliche Filter reichen – der Designer findet das falsche Bild, der Entwickler findet den falschen Code. In der IR sind die Folgen härter.
Eine halluzinierte Umsatzzahl im Lagebericht ist mehr als ein Tippfehler. Wird sie ad-hoc-relevant, hängt sie an §26 WpHG. Hat ein KI-Tool den juristischen Disclaimer-Rahmen einer Forward-Looking-Aussage weggekürzt – weil das Modell den Text so für „besser lesbar“ hält – sind Sie im MAR-Thema. Und falsch zitierte oder erfundene Bezugnahmen auf frühere Aussagen landen spätestens beim nächsten Earnings Call wieder auf Ihrem Tisch. Analysten haben eigene Datenbanken für solche Vergleiche – und KI-Tools, die nichts vergessen. Was ein menschlicher Analyst früher übersehen hätte, fischt das Tool an seiner Seite jetzt heraus.
Der eigentliche Schaden ist nicht das Bußgeld, das vielleicht nie kommt. Der eigentliche Schaden ist der Vertrauensvorschuss, den Sie über Jahre aufgebaut haben und der bei der ersten gefundenen Inkonsistenz an einer Stelle anfängt, sich zurückzuziehen.
IR-Vertrauen ist asymmetrisch: Es wird in Quartalen aufgebaut und in Minuten verbrannt.
Und Halluzination ist nur die offensichtliche Hälfte des Risikos. Die andere Hälfte ist, was mit Ihren Daten passiert, während der Prompt sie verarbeitet. Wer mit einem Einzel-Prompt in einem öffentlichen Modell arbeitet, schickt vorab-vertrauliche Zahlen – Quartalsentwürfe noch vor Ad-hoc, Strategie-Skizzen, M&A-Diktion – in eine Infrastruktur, die nicht ihm gehört. §26 WpHG hat dazu eine Meinung. Die Datenschutzaufsicht ebenfalls. Beide werden in den nächsten 24 Monaten lauter. Sichere Infrastruktur ist deshalb kein Add-on. Sie ist die Voraussetzung, bevor das erste Wort generiert wird.
„Aber unsere QS fängt das doch auf“
Der häufigste Reflex auf das, was hier steht: „Halluzinationen erkennen wir. Wir haben Vier-Augen-Prinzipien, wir haben Freigabe-Schleifen, wir haben Compliance-Reviews. Was soll da schon passieren?“
Drei Dinge:
Erstens: Der QS-Aufwand frisst den Zeitgewinn auf.
Eine Stunde Schreiben gespart, eineinhalb Stunden Fehlersuche dazugewonnen – Sie hätten den Text auch gleich selbst entwerfen können. Mit dem Vorteil, dass Sie dann wenigstens wüssten, woher jeder Satz kommt. Ein KI-Tool, dessen Output Sie nicht mehr in Stichproben prüfen können, sondern Satz für Satz gegenlesen müssen, ist keine Entlastung. Es ist eine zusätzliche Arbeitsschicht in Tarnung.
Zweitens: KI-Fehler sehen nicht wie Fehler aus.
Es ist die Funktionsweise eines großen Sprachmodells, wahrscheinlichkeitsoptimiert zu klingen. Der Output ist nicht falsch, weil er falsch klingt – er ist falsch, obwohl er gut klingt. Ein Tippfehler springt ins Auge. Eine plausibel – falsche Forward-Looking-Aussage tut das nicht. Sie wird genau dann auffallen, wenn ein Analyst die Vorjahresaussage daneben hält. Das, was eine KI besonders gut kann – nämlich plausibel klingen – ist gleichzeitig das, was die menschliche QS überfordert. Und das passiert nicht in der Ruhe einer Lektoratswoche, sondern unter Quartalsabschluss-Zeitdruck, mit Verantwortungs-Stress, zwischen Tür und Angel.
Drittens: Die Eskalations-Kette ist die eigentliche Gefahr.
Der Junior schreibt einen Entwurf, mit KI. Der Senior fragt: „Hast du das gegengecheckt?“ – „Ja klar.“ Er liest, findet nichts Auffälliges – denn nichts klingt auffällig – und gibt frei. Der CFO fragt: „Ist das durch?“ – „Ja, der Senior hat’s freigegeben.“ Er unterschreibt. Drei Personen haben einen Fehler übersehen, weil jede dem nächsten in der Kette vertraut hat. Das, was die menschliche Reportingkette stark macht – soziales Vertrauen – wird in dem Moment zur Schwäche, in dem KI – Output sich einschleicht. Innerbetrieblich brennt zuerst die Reputation des Juniors beim Senior, dann die des Seniors beim CFO. Extern brennt die Reputation des CFOs beim Analysten. Das alles, weil der erste Text plausibel klang.
Das einzige, was diese Kette stoppt, ist Nachvollziehbarkeit auf Aussagen – Ebene: woher kommt jede Zahl, jede Formulierung, jede Bezugnahme. Ein System weiß das. Ein Prompt nicht. Und solange das Sicherheitsnetz fehlt, ist QS-Aufwand das einzige, was zwischen plausibel-falsch und Veröffentlichung steht. Das ist deutlich teurer, als sich die meisten IR-Abteilungen eingestehen.
Was ein System ist – und was ein Prompt nie sein wird
Ein System für Investor Relations hat fünf Eigenschaften, die ein Prompt nicht haben kann.
Erstens: Eine integrierte Wissensbasis. Lagebericht, Wording-Manual, Vorjahres-HV-Materialien, Disclosure-Vorgaben sind im System verfügbar, nicht in jedem Prompt neu zu kopieren. Konsistenz entsteht nicht aus Disziplin, sondern aus Architektur.
Zweitens: Audit-Fähigkeit. Jede Aussage ist rekonstruierbar – woher kommt die Zahl, woher die Formulierung, wer hat freigegeben. Wenn der Wirtschaftsprüfer fragt, hat das System eine Antwort. Wenn der Senior beim Junior nachfragt, kommt nicht „so hat das KI-Tool das halt formuliert“ zurück, sondern eine Herleitung.
Drittens: Multi-Agent-Logik. Pressemitteilung läuft anders als Earnings-Call-Vorbereitung läuft anders als HV-Vorbereitung läuft anders als Medienarbeit. Ein System routet jede Aufgabe in den richtigen Workflow, statt einen einzelnen Prompt mit allem zu überfrachten.
Viertens: Konsistenz-Garantien über Zeit. Die Tonalität, die im letzten Geschäftsbericht etabliert wurde, wird in der nächsten Pressemitteilung gehalten. Nicht weil der Mensch sich erinnert, sondern weil das System sie kennt.
Fünftens: Tenant-Isolation. Ihre Insider-Daten landen nicht in einem öffentlichen Modell. Sie landen in einer abgeschotteten Umgebung, die rechtssicher dokumentiert ist – §26 WpHG, DSGVO und MAR konform.
Wer diese fünf Eigenschaften nicht hat, hat keine IR-KI-Strategie. Er hat einen Workaround. Und Workarounds halten bis zum ersten kritischen Investorengespräch – denn dort sitzt jemand mit drei Jahren Vorberichterstattung im Laptop und der Bereitschaft, jede Inkonsistenz, die Sie nicht gesehen haben, beim Namen zu nennen. Bis dahin merkt es niemand. Danach merkt es jeder.
Die Frage, die Sie sich stellen sollten
Die Versuchung ist real: Ein Prompt kostet wenig. Ein System kostet etwas.
Aber die Differenz zwischen den beiden Kostenstellen ist nicht das, was Sie bezahlen, sondern das, was Sie verhindern.
Stellen Sie sich die Frage:
Wenn der nächste Analyst – oder Investor, oder Journalist – eine Inkonsistenz zwischen meinem aktuellen Bericht und einer Aussage vom letzten Capital Markets Day findet: Kann ich rekonstruieren, woher diese Inkonsistenz kommt?
Kann ich nachweisen, dass die abweichende Formulierung absichtlich war?
Kann ich sicherstellen, dass dieser Fehler im nächsten Quartal nicht wiederholt wird?
Wenn die Antwort dreimal Nein lautet, haben Sie keine KI-Strategie. Sie haben einen Prompt. Und ein Prompt ist nicht falsch. Er ist nur nicht das, was Sie für professionelle Investor Relations brauchen.
Kontakt
Claudius Krause, Director cometis AG
Berater für Kapitalmarkt-, M&A- und Change-Kommunikation | 15+ Jahre Erfahrung in Transaktionskommunikation
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