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Proxys im Zeitalter von Agentic Finance: Künstliche Intelligenz beerdigt den pauschalen Kriterienkatalog und was das für CFOs und IR bedeutet

Für Investor Relations gab es bislang in jeder Hauptversammlungssaison ein klares Ziel: die Proxy Advisors ISS und Glass Lewis auf die eigene Seite bringen.

Aus gutem Grund, denn die Wirkung der Proxys ist immens. Empfiehlt ISS beispielsweise eine Abstimmung gegen ein Vergütungsvotum, liegt die Zustimmung im Schnitt rund 28 Prozentpunkte niedriger. Also wurde stets rechtzeitig das Gespräch gesucht und die Tagesordnungspunkte samt ihrer inhaltlichen Ausgestaltung auf die Modelle der beiden großen Proxy Advisors ausgerichtet. Dieses Drehbuch verliert gerade seine Gültigkeit, da institutionelle Investoren beginnen, auf Basis eigener KI-Analysen abzustimmen. 

Wie groß der bisherige Einfluss der beiden Proxys ISS und Glass Lewis war, zeigt ihr Marktanteil. Zusammen kontrollierten sie rund 97 Prozent des Marktes für Stimmrechtsberatung. Über Jahre bereitete sich Investor Relations deshalb insbesondere auf deren Empfehlungen vor, die den Ausgang der Abstimmungen maßgeblich vorzeichnete. Diese Empfehlungen entstanden für alle Unternehmen nach demselben Kriterienkatalog. Und wer die Kriterien von ISS und Glass Lewis kannte und seine Beschlüsse daran ausrichtete, ging in der Regel entspannt in die Abstimmung. 

JPMorgan AM & Co. legen mithilfe von KI eigene Maßstäbe an 

Diese eine wegweisende Proxy-Empfehlung verschwindet gerade. Die alte Welt kannte einen Maßstab für alle. In der neuen bewertet jeder Investor nun die Agendapunkte mit einem eigenen KI-Modell nach eigenen Kriterien. Willkommen in der Welt von Agentic Finance. 

Prominentes Beispiel hierfür ist etwa JPMorgan Asset Management.

Seit der HV-Saison 2026 stimmt JPMorgan AM über eine eigene KI-Plattform namens Proxy IQ ab, die die Vorlagen von rund 3.000 Hauptversammlungen auswertet, und hat dafür ISS und Glass Lewis fallengelassen. Auch Wells Fargo hat ISS gekündigt und nutzt nun eine eigene, technologiegestützte Voting-Plattform. Und selbst Glass Lewis wird bis 2027 die einheitliche Benchmark-Empfehlung ganz einstellen und wechselt auf KI-gestützte Frameworks, die die Anlagephilosophie jedes einzelnen Mandanten abbilden. Wenn sogar einer der beiden Gatekeeper seine eigene Standard-Empfehlung abschafft, ist klar: Der eine universelle Maßstab, auf den sich Vorstand und Investor Relations bislang vorbereiten konnten, gehört der Vergangenheit an. 

Möglich macht diesen individuellen Ansatz der Einsatz künstlicher Intelligenz. Was jahrelang spezialisierte Dienstleister mit einheitlichen Richtlinien zulieferten, übernimmt jetzt ein KI-System im Haus des Investors selbst. Es liest die Beschlussvorlagen, hält sie gegen die Historie des Unternehmens und gegen die Peers und leitet auf Basis der eigenen Investmentphilosophie ein eigenes Votum ab. 

Diese KI-getriebene Abkehr von der zentralen Proxy-Empfehlung wird auch politisch weiter verstärkt. Aufgrund einer Verfügung des US-Präsidenten werden die Aktivitäten von ISS und Glass Lewis aktuell von diversen Behörden überprüft, bis hin zu Kartell- und Haftungsfragen.5 Noch stehen die Empfehlungen von SEC und Co. zum Umgang mit Proxy Advisors aus und dürften vermutlich umgehend juristisch angefochten werden. Druck lastet dadurch jedoch bereits heute auf den beiden Proxy-Beratern. Und je unsicherer und angreifbarer deren Empfehlungen sind, desto mehr Grund haben die großen Investoren, die Bewertung selbst zu übernehmen. 

Also doch nur ein US-Thema? Mitnichten! Da sowohl die Proxy-Berater als auch institutionelle Investoren international agieren, macht das Thema an keiner Staatsgrenze halt. In Europa nutzen institutionelle Investoren fast ausschließlich ISS, Glass Lewis und dessen Arm IVOX Glass Lewis, und umgekehrt hält ein Haus wie JPMorgan Asset Management auch Anteile an europäischen Unternehmen. Für europäische Emittenten ergeben sich damit dieselben Konsequenzen wie für amerikanische: Ihre Beschlussvorschläge werden immer öfter durch das eigene Modell des Investors analysiert und bewertet statt zentralisiert durch einen Proxy-Berater. In Frankfurt, München und Hamburg genauso wie in New York, Chicago oder Boston. 

Viele verschiedene Modelle, aber nur eine zentrale Frage 

Für Vorstand und Investor Relations verschiebt das den Maßstab an einer heiklen Stelle. Solange die Empfehlung von ISS oder Glass Lewis kam, kannten Sie die Regeln. Sie konnten gezielt und effizient das Gespräch suchen und Kontext im Dialog liefern. Kommt das entscheidende Votum nun aus den individuellen Modellen jedes einzelnen Investors, war es das mit Ihrem zentralisierten, transparenten Vorgehen. Der Kanal zu Ihren Investoren bleibt zwar weiterhin offen, über den Portfoliomanager und die Stewardship-Teams. Das Analysemodell und die Einzelkriterien selbst werden Sie jedoch nie zu Gesicht bekommen. 

Aus der einen zentralen Empfehlung werden also viele einzelne Bewertungen. Beliebig weit auseinander fallen diese Bewertungen deshalb aber nicht. Egal ob genehmigtes Kapital, ein Aktienrückkaufprogramm oder die Angemessenheit der Vorstandsvergütung: Im Kern stellen eigentlich alle Investoren dieselbe Frage. Ist das Vorhaben geeignet, dass der Vorstand damit die bestmögliche Rendite für mich als Aktionär erwirtschaftet? Unterschiedlich sind dabei einzig die Schwellen, ab wann ein Investor das verneint, je nach Risikobereitschaft und Renditeerwartung. 

Daraus folgt das Entscheidende für die Vorbereitung von Vorstand und Investor Relations: Sie müssen nicht Dutzende Frameworks unterschiedlicher Investorentypen en détail beackern und bedienen. Es genügt, die eine, strengste Sicht einzunehmen. Unternehmen, die vor der konservativen Bewertung eines Quality- und Value-Investors bestehen, bestehen auch vor der breiten Masse. Dass diese eine Sicht genügt, ist keine Behauptung: Schon heute stimmen die Proxy-Berater und die Stewardship-Teams der großen institutionellen Investoren bspw. bei den vergütungsrelevanten Themen im Kern weitgehend überein, obwohl sie unabhängig voneinander analysieren.6 

Wer seine Anteilseigner kennt und zugleich weiß, wie ein Quality- und Value-Investor auf das eigene Unternehmen blickt, geht bestmöglich vorbereitet in diese Gespräche und argumentiert nicht blind. Genau diese biasfreie Außensicht, ohne den Bias des eigenen Vorstands oder der eigenen IR, liefert etwa WarrenWise®. 

Im Zeitalter von Agentic Finance liest dieser synthetische Value-Investor längst nicht mehr nur den aktuellen Vergütungsbericht oder das jüngste Finanzreporting. Er liest das gesamte Reporting, über Jahre und quer über die Peers, und er vergisst nichts, jede Aussage hält er gegen jede Zahl und bewertet sie aus einer sachlichen Investorenperspektive. Am persönlichsten kann es für den Vorstand dabei beim Thema Vergütung werden. Konkret klingt das dann so: 

„Ihr Langfrist-Bonus honoriert bereinigtes EBITDA, das über drei Jahre gestiegen ist. Ihre Kapitalrendite liegt seit zwei Jahren unter Ihren Kapitalkosten, im Peer-Vergleich im untersten Viertel. Wir stimmen gegen das Vergütungssystem und gegen die Entlastung des Vorstands.“ 

Das ist keine Empfehlung, über die sich noch reden ließe. Es ist eine interne Abstimmungsanweisung, aus öffentlichen Angaben abgeleitet. Gleichzeitig ist es auch das Thema mit dem größten Schlagzeilen-, Skandal- und Reputationsrisiko, das auch jeder Aufsichtsrat unbedingt vermeiden möchte: ein Unternehmen ohne Rendite für die Aktionäre und ein Vorstand, der sich mit dem Segen des Aufsichtsrats trotzdem bedient. 

Die einzige Antwort darauf ist Waffengleichheit. Vorstand und Investor Relations müssen in der Vorbereitung dieselben Werkzeuge einsetzen wie die Investoren und dabei den strengsten Blick eines Quality- und Value-Investors einnehmen. 

Vorbereitung schlägt Empfehlung 

Das Votum des einzelnen Investors können Sie nur bedingt beeinflussen. Was Sie jedoch selbst bestimmen, ist was Sie zur Abstimmung stellen und wie gut Sie es vorbereiten. Genau deshalb zählt, was vor der Hauptversammlung passiert. WarrenWise® bewertet Ihre Beschlussvorlagen, Ihre Vergütungslogik und Ihre Kapitalrendite schon heute, lange vor der Veröffentlichung der Einladung und vor den Sondierungsgesprächen mit Investoren, aus der Perspektive eines sachlich analysierenden Value-Investors und zeigt, wo beispielsweise Vergütungsanreiz und Aktienrendite auseinanderfallen, bevor ein Investor es tut. 

Ein einmaliger Check vor der Hauptversammlung genügt dabei nicht. Er würde für die Abstimmung reichen, doch die KI-Systeme der Investoren schalten danach nicht ab. Agentic Finance ist gekommen, um zu bleiben: Diese Systeme analysieren Ihr Reporting fortlaufend und leiten daraus Handelssignale ab, die automatisch ausgeführt werden, ohne dass Vorstand oder Investor Relations noch eingreifen oder Kontext geben könnten. Was ein solches Modell aus Sicht eines Value-Investors bemängelt, lässt sich zudem selten über Nacht abstellen: Eine Vergütungslogik, eine Kapitalallokation, eine Board-Zusammensetzung ändert man über Jahre, nicht über eine Hauptversammlung. Deshalb ist die kritische Value-Analyse ein fortlaufendes Optimierungswerkzeug für CFOs und Investor Relations. Wer sie dauerhaft in seine Prozesse integriert, korrigiert Schieflagen früh, solange sie sich noch geräuschlos beheben lassen. Und wo ein Schwachpunkt aus nachvollziehbaren wirtschaftlichen Gründen besteht, hat man ihn kommen sehen und kann ihn den Investoren einordnen und kontextualisieren, bevor deren Modell ihn zum Vorwurf macht. Denn das eigentliche Risiko für Vorstand und Aufsichtsrat ist nicht der einzelne Ausreißer, sondern das Muster, das ein Investor über die Jahre erkennt. 

Ein Analyst für jeden Emittenten 

Der eine Maßstab der Proxy-Berater war ein Kompromiss der alten Welt: Jedes Unternehmen wurde geprüft, aber an ein und demselben Katalog, weil kein Investor die Kapazität hatte, jede Vorlage nach seiner eigenen Philosophie zu bewerten. Diese Kapazität besteht nun, dank Künstlicher Intelligenz. Im Zeitalter von Agentic Finance bekommt jeder Emittent somit seinen eigenen, unbestechlichen Analysten, der nie schläft, alles gelesen hat, nichts vergisst und in Sekunden urteilt, bei der Abstimmung, bei der Bewertung, bei der nächsten Finanzierung. 

Die Frage ist damit nicht mehr, wie Sie die Proxy Advisors überzeugen. Sie lautet, ob Ihre Substanz den Investment Case trägt oder ob das Narrativ unter einer strengsten Value-Prüfung kollabiert. CFOs und Investor Relations, die das für ihr Unternehmen positiv beantworten können, überzeugen auch ihre Investoren. Und wenn nicht, dann wissen Sie wenigstens, woran Sie arbeiten sollten. 

Kontakt

Claudius Krause, Director, cometis AG
Berater für Kapitalmarkt-, M&A- und Change-Kommunikation | 15+ Jahre Erfahrung in Transaktionskommunikation |
Exit Readiness Radar · für Verkäufer · cometis

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Über cometis

Seit 25 Jahren verbinden wir Kapitalmarktexpertise mit tiefgehender Nachhaltigkeitsanalyse und strukturierten Beratungsansätzen. In über 1.000 Mandaten haben wir gelernt, sowohl langjähriger Partner als auch flexibler Know-how-Booster zu sein. Ob beim Börsengang, in der M&A-Transaktion, bei der (doppelten) Wesentlichkeitsanalyse oder im Spannungsfeld komplexer ESG-Regulatorik: Wir bringen Klarheit in anspruchsvolle Fragestellungen und schaffen belastbare Entscheidungsgrundlagen. Mit unseren Leistungen liefern wir genau das, worauf es Ihnen ankommt – wirtschaftlichen Erfolg, nachhaltige Wirkung und am liebsten natürlich beides zusammen.