Die Studie zu Ihrer Aktie ist fertig, und sie liest sich gut. „Strong Buy“, Kursziel 40 Prozent über dem aktuellen Kurs, eine saubere Equity Story auf achtzehn Seiten. Sie haben dafür bezahlt, so wie es Tausende Emittenten tun. Die Datei wird von Ihrem Broker verteilt, geht an Ihren Investorenverteiler und steht auf Ihrer Website. Früher wussten Sie ziemlich genau, was dann passierte: Ein Portfoliomanager überfliegt die ersten Seiten, denkt „ist ja bezahlt“ und zieht im Kopf einen stillen Abschlag ab. Mit etwas Glück veranlasste das Research den Investor, sich die Aktie genauer anzuschauen und eine eigene, händische Detailanalyse durchzuführen. Oder es passierte schlicht nichts, und die Studie verschwand in der Schublade.
Heute, in Zeiten von Agentic Finance, braucht derselbe Portfoliomanager diese Studie zu Ihrem Unternehmen gar nicht mehr. Er lässt sein eigenes KI-Modell den Markt screenen, Opportunitäten identifizieren und über Ihren Geschäftsbericht, Ihren Risikobericht und die Zahlen Ihrer Wettbewerber laufen. In Sekunden hat er eine unabhängige, oft unbequemere Zweitmeinung. Erst dann gleicht er sie mit anderen Marktstimmen ab, etwa mit dem Research zu Ihrer Aktie. Und jeder Punkt, den seine KI findet und den eine bezahlte Studie nicht einmal erwähnt, untergräbt das Vertrauen in diese Studie und ihre Empfehlung.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Entscheidend ist jetzt, ob eine Studie mehr zeigt als das, was eine rationale, kritische KI-Prüfung ohnehin zutage fördert, besonders auf der Risikoseite, und ob sie damit einen echten Mehrwert für eine Investitionsentscheidung liefert. Das Aktienresearch als solches bleibt bestehen. Unter Druck gerät allein das unkritische Auftragsresearch, während das kritische an Wert gewinnt.
Für einen Investor ist es elementar, die Downside einschätzen und managen zu können. Sein Geschäft besteht darin, das Verlustrisiko zu beherrschen, damit sich die Chance materialisieren kann. Eine Aktienstudie, die diese Downside ausblendet, nimmt ihm genau das, worauf es ihm zuerst ankommt, und wird in dem Moment wertlos, in dem seine eigene KI die unadressierten Risiken in Sekunden sichtbar macht. Über dem gesamten Auftragsresearch steht damit eine simple Rechnung: Wenn jeder Investor sich die kritische Zweitmeinung heute selbst erzeugt, wofür zahlt dann noch jemand für die unkritische?
Warum es Auftragsresearch überhaupt gibt
Auftragsresearch ist aus einem echten Problem entstanden. Die klassische Sell-Side-Coverage ist für kleine und mittlere Unternehmen über Jahre immer weiter zurückgegangen. In Europa hat besonders die MiFID-II-Entbündelung von 2018 diesen Effekt beschleunigt: Research musste seither von den Investoren gesondert vergütet werden, getrennt von der Handelsausführung. Damit brach die Zahlungsbereitschaft für Nebenwerte-Coverage drastisch ein. Für manche kleineren Emittenten ist die Coverage seither spürbar dünner geworden, in Einzelfällen ganz verschwunden.1
Der Gesetzgeber hat das Problem erkannt und steuert gegen, in Europa gleich doppelt. Der EU Listing Act, in Kraft seit Dezember 2024 und bis Juni 2026 in nationales Recht zu überführen, erlaubt wieder die gemeinsame Abrechnung von Research und Ausführung für Emittenten jeder Größe.2 Das kann die Lücke mittelfristig verkleinern, schließt sie jedoch nicht über Nacht. Wer heute gesehen werden will, von keinem Analysten begleitet wird und damit unter dem Radar der Investoren bleibt, kommt an bezahlter Coverage kaum vorbei. Über die Legitimität von Auftragsresearch muss man deshalb nicht streiten: Für viele Unternehmen war und ist es der einzige Zugang zu institutionellen Investoren.
Der Abschlag auf gekauftes Lob
Den Preis für diesen Zugang zahlen die Unternehmen jedoch doppelt: in Cash und in Glaubwürdigkeit. Wer die Studie in Auftrag gibt, die ihn selbst bewertet, lebt mit dem Verdacht, ein positives Urteil werde gleich mitgekauft. Dieser „Optimismus“ des Aktienresearch ist allerdings im ganzen Markt angelegt; das bezahlte Research verschärft eine Schieflage, die ohnehin besteht. Von über 13.000 Analystenurteilen zu den Unternehmen des S&P 500 lauten derzeit rund 60 Prozent auf „Buy“, 35 Prozent auf „Hold“ und nur knapp 5 Prozent auf „Sell“, der höchste Buy-Anteil seit mindestens 2010.3 95 Prozent aller Urteile sind also positiv oder neutral. Eine echte kritische Analyse mit Verkaufsempfehlung bleibt die Ausnahme, unabhängig davon, ob der Emittent dafür zahlt.
Diese Zahlen verweisen auf eine grundlegende, lang wirkende Struktur des Marktes. Nach dem Global Research Analyst Settlement von 2003, mit dem die US-Aufsicht die Interessenkonflikte zwischen Research und Investmentbanking adressierte, fiel der Buy-Anteil bei den sanktionierten Häusern von rund 66 auf 32 Prozent.4 Sobald der Interessenkonflikt zwischen unabhängigem, kritischem Research und einem handels- und transaktionsgetriebenen Bankgeschäft entschärft war, halbierte sich der Optimismus.
Heute kehrt genau dieser Konflikt zurück. Derselbe EU Listing Act, der die Coverage bei Small- und Mid-Caps wiederbeleben soll, erlaubt die gemeinsame Abrechnung von Research und Handelsausführung erneut. Research rückt damit wieder näher an die Erlöse, die ein Haus mit Handel und Transaktionen in genau diesen Aktien verdient.
Die EU hat dieses Vertrauensproblem erkannt und versucht, es zu regulieren. Seit Ende 2024 arbeitet die ESMA an einem EU-Verhaltenskodex für auftraggeberfinanziertes Research: Solche Studien müssen „fair, klar und nicht irreführend“ sein und als auftraggeberfinanziert gekennzeichnet werden. Nur wer den Kodex einhält, darf dieses Gütesiegel überhaupt führen.5 Während die Regulierung noch am Vertrauen in das auftraggeberfinanzierte Research arbeitet, stellt der schnelle Fortschritt der Künstlichen Intelligenz den Mehrwert solcher Studien bereits grundsätzlich infrage. Denn für seine Investitionsentscheidung braucht der Investor ein unkritisches Aktienresearch Dritter immer weniger.
Das Aktienresearch zu Ihrem Unternehmen ist nur noch die zweite Meinung
Damit kehrt sich das Verhältnis zwischen Studie und Analyse um. Die Studie muss sich jetzt an der KI des Investors messen, nicht mehr umgekehrt. Sie kommt erst nach der eigenen Analyse des Investors ins Spiel, als zweite Stimme, die auffangen soll, was die Maschine in Lagebericht, Zahlen und Branchendaten möglicherweise übersehen hat. Bringt die Studie dabei nichts zutage, was die eigene KI-Analyse schon gezeigt hat, ist sie überflüssig. Fällt sie optimistischer aus, als die Quellen des Unternehmens hergeben, ist sie sogar kontraproduktiv. Und das bleibt nicht unentdeckt:
„Das Kursziel liegt 40 Prozent über dem aktuellen Kurs und basiert auf einer EBIT-Marge von 14 Prozent ab 2027. Der Lagebericht des Unternehmens nennt für dasselbe Jahr einen Zielkorridor von 9 bis 11 Prozent und führt die Rohstoffpreisbindung als wesentliches Risiko, was das Research nicht abbildet. In einem Base Szenario tragen weder die Unternehmensangaben noch die Branchendaten die Marge des Researchs. Ohne sie bricht aber auch das Kursziel und damit das Potenzial zusammen. Worauf stützt sich also das Urteil des Research?“
Jahrzehntelang sortierte ein Investor Research über das Etikett „bezahlt“ oder „unabhängig“. Heute zählt etwas anderes: ob eine Studie über die eigene Analyse hinaus etwas beiträgt oder nur ausblendet, was das KI-Modell ohnehin sieht. Ausgeblendet wird dabei fast immer die Downside.
Das kritische Research gewinnt
Umgekehrt gewinnt das Research, das wirklich etwas beiträgt. Eine Studie, die tiefer reicht als die maschinelle Erstanalyse, Querschlüsse innerhalb der Branche und zwischen Peers zieht, ihre Annahmen sauber herleitet und die Risiken offen benennt, liefert genau den Mehrwert, für den sich Bezahlung lohnt. Damit endet die Intransparenz, die über bezahltem Research lange lag.
Es gibt einen zweiten Wert, den auch die beste KI-Analyse nicht ersetzt. Das Sammeln und Auswerten von Zahlen und Berichten, das früher bis zu 70 Prozent der Arbeitszeit eines Einstiegsanalysten verschlang, erledigt KI heute in Sekunden statt in Tagen.6 Damit steht jedem Investor jederzeit die gesamte Analyse zur Verfügung, bis hin zur Fleißarbeit. Was bleibt, ist der eigentliche Impuls: die Investmentidee, auf die das eigene Modell nicht von selbst gekommen wäre. Automatisieren lässt sie sich nicht. Eine neue Idee entsteht oft erst aus den Gesprächen eines Analysten mit Vorständen und Branchenexperten und aus dem Zusammensetzen vieler einzelner Beobachtungen zu einem Bild. Diesen Input hat keine Maschine. Tragfähig ist ein solcher Impuls aber nur, wenn er die Risiken mitdenkt; verschweigt er sie, bleibt er ein weiteres „Buy“ im allgemeinen Marktrauschen.
Was das für Sie als Emittenten heißt
Für CFOs und Investor Relations folgt daraus eine klare Konsequenz. Im Zeitalter von Agentic Finance setzen Investoren zunehmend Multi-Agent-Systeme ein, für die Analyse und immer öfter für den direkt angeschlossenen Handel. Diese Systeme lesen Ihren Investment Case, Ihre Berichte und Ihre Zahlen und entscheiden, bevor das Research zu Ihrer Aktie veröffentlicht ist. Vorbereitet sind Sie darauf, wenn Ihr Reporting und Ihr Investment Case AI-ready sind: in sich schlüssig, lückenlos belegt und über alle Dokumente hinweg widerspruchsfrei. Jede Schwäche, die die Systeme der Investoren finden, hätten Sie vorher selbst finden können.
Hier setzt WarrenWise® an. Das System liest Ihr Unternehmen so, wie es das Modell eines Investors tun wird: aus der Perspektive eines rationalen Value-Investors, jede Aussage reproduzierbar gegen Geschäftsbericht, Risikobericht und Vergütungssystem gehalten, quervergleichbar zur Branche und belegbar bis auf die Textstelle. Sie sehen, wo eine Analyse, die auf Ihrer Darstellung aufbaut, brechen würde, bevor ein Investor es sieht. Es geht dabei um die Substanz hinter Ihrem Narrativ.
Mit diesem Wissen richten Sie Ihre Kommunikation so aus, dass Studie, Pflichtbericht und freiwillige Offenlegung dieselbe Geschichte erzählen, über alle Formate und Kanäle. Eine Studie, die auf einer in sich stimmigen Equity Story steht, hält auch der unabhängigen KI-Analyse stand und gewinnt so das Vertrauen zurück, das gekauftem Research früher oftmals pauschal fehlte.
Ein Einwand bleibt: Ohne die Studie wäre mancher Investor nie auf Sie aufmerksam geworden. Das stimmt, verwechselt aber zwei Dinge, nämlich Sichtbarkeit und ein belastbares Urteil. Für Sichtbarkeit brauchen Sie keine wohlwollende Kursziel-Studie. Verliert bezahltes Research seinen Wert als Gütesiegel, ist dasselbe Budget oft zielgerichteter in echte Sichtbarkeit investiert: in einen Capital Markets Day, in Investoren-Messen, konsequente Medienarbeit oder brokerunabhängig organisierte Roadshows. Das Research, das dann noch einen echten Mehrwert bietet, ist das, das Ihr Unternehmen wirklich kritisch analysiert.
Ein schönes Kursziel ist schnell konstruiert und gedruckt. Über die Latte springen muss am Ende das Unternehmen, nicht der Analyst. Wer die gesetzten Erwartungen verfehlt, den straft der Markt ab, ganz gleich, wer die Studie geschrieben hat. Entscheidend ist heute, ob das, was über Sie geschrieben steht, dem standhält, was Ihre eigenen Zahlen und die Ihrer Branche hergeben. Wer die Coverage bezahlt hat, tritt dahinter zurück. Hält die Studie dem Abgleich nicht stand, fällt sie Ihnen auf die Füße: heute über fehlende Glaubwürdigkeit, spätestens morgen über enttäuschte Erwartungen.
Kontakt
Claudius Krause, Director, cometis AG
Berater für Kapitalmarkt-, M&A- und Change-Kommunikation | 15+ Jahre Erfahrung in Transaktionskommunikation |
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